Vom 20. bis 23. Juli 2026 ging es mit dem Zug in die Hauptstadt. Für die vier jungen Erwachsenen der Wohngemeinschaft Schwaner Knapp war diese Reise etwas Besonderes – und zwar schon lange vor der Abfahrt. Ein Jahr lang hatten sie jeden Monat 25 Euro für die gemeinsame Fahrt zurückgelegt. Damit erfüllten sie sich einen Wunsch, den sie selbst entwickelt und auf den Weg gebracht hatten.
Geschichte wird plötzlich lebendig
Untergebracht war die Gruppe in einem Hostel in Berlin-Kreuzberg. Von dort aus gab es in den folgenden Tagen viel zu entdecken. Besonders eindrücklich war der Besuch der East Side Gallery. Für einen jungen Erwachsenen aus Guinea bekam das, was er früher im Geschichtsunterricht gelernt hatte, plötzlich eine ganz andere Bedeutung:
„Endlich sehe ich, was ich früher in Guinea in der Schule in Geschichte gelernt habe.“
Noch unmittelbarer wurde die deutsche Geschichte beim Besuch des Mauermuseums. Dort begegnete die Gruppe dem Zeitzeugen Herrn Jacobi. Er zeigte den jungen Erwachsenen seine umgebaute BMW Isetta und erzählte, wie er damit Menschen aus der DDR bei ihrer Flucht nach Westdeutschland geholfen hatte. Die Reaktion eines jungen Erwachsenen brachte die Faszination auf den Punkt: „Krass, wieviel Mut der hatte.“
Einmal selbst im Deutschen Bundestag Platz nehmen
Ein Höhepunkt der Reise war der Besuch des Deutschen Bundestages, der auf Einladung des Bundestagsabgeordneten Dr. Carsten Brodesser erfolgte.
Vor Ort empfing Herr Canzler, Büroleiter von Dr. Brodesser, die Gruppe und führte sie durch das Paul-Löbe-Haus und den Deutschen Bundestag. Dabei blieb es nicht bei einer klassischen Besichtigung: Die jungen Erwachsenen durften im Sitzungszimmer des Finanzausschusses Platz nehmen und sogar die dortigen Mikrofone benutzen. Für einen Moment konnten sie sich selbst wie Abgeordnete des Deutschen Bundestages fühlen.
Natürlich gab es auch viele Fragen: Welche Aufgaben haben Bundestagsabgeordnete eigentlich genau? Wie wird man selbst Abgeordneter? Wie organisieren die Politikerinnen und Politiker ihre Arbeit in Berlin? Wo sitzt Dr. Brodesser – und warum werden manche Wahlversprechen gehalten und andere nicht?
So entstand ein lebendiger Austausch, bei dem Politik nicht abstrakt blieb, sondern unmittelbar erfahrbar wurde. Dieser intensive Einblick hinter die Kulissen ließ erahnen, wie komplex und anspruchsvoll politische Arbeit heute ist. Umso mehr verdient sie den gesellschaftlichen Respekt und den Schutz der Demokratie.
Gemeinschaft erleben und Selbstwirksamkeit erfahren
Die Berlinfahrt war aber weit mehr als eine Bildungsreise. Gemeinsam unterwegs zu sein, aufeinander Rücksicht zu nehmen, Neues zu entdecken und besondere Erlebnisse miteinander zu teilen, stärkte die Gemeinschaft.
Vor allem aber haben die jungen Erwachsenen erfahren, dass es sich lohnt, eigene Wünsche und Ziele zu verfolgen. Ein Jahr lang für eine Reise zu sparen und sie schließlich tatsächlich anzutreten, ist ein gutes Beispiel dafür, wie Selbstwirksamkeit und Schritte in ein selbstständigeres Leben ganz praktisch erlebt werden können.
Dass die Reise nachhaltig Eindruck hinterlassen hat, zeigte sich schon auf der Rückfahrt. Einer der jungen Erwachsenen wollte wissen, wohin es im nächsten Jahr geht. Auch wenn eine weitere gemeinsame Reise nicht sicher ist, stand sein persönlicher Plan bereits fest: Noch in diesem Monat möchte er anfangen, für seinen nächsten Urlaub zu sparen.
Vielleicht ist genau das eines der schönsten Ergebnisse dieser Tage in Berlin: die Erfahrung, dass eigene Wünsche Wirklichkeit werden können, wenn man beginnt, selbst etwas dafür zu tun.