
Die Vorbehalte waren groß, als die neue Inobhutnahmegruppe auf dem Waldhof an den Start ging. Würde hier täglich die Polizei anrücken? Was bei der Evangelischen Jugendhilfe Bergisch Land so besonders ist – und was Eltern tun können, damit es gar nicht so weit kommt.
Remscheid. Es ist kalt. Und nass. Der bergische Regen hat ihre Sweatjacke schon völlig durchgeweicht. Da hilft die Kapuze auch nicht mehr. Doch was soll sie jetzt tun? Wo soll sie hin? Nach Hause kann sie nicht mehr. Der Streit heute mit ihren Eltern ist völlig eskaliert. Ihr Stiefvater hat sie wieder mal richtig fertiggemacht. Ihre Arme tun weh. An den Stellen, an denen er seine Wut an ihr ausgelassen hat. Außerdem hat sie den ganzen Tag noch nichts gegessen. Interessiert ja auch keinen. Also läuft sie einfach weiter, nachts um halb 1, ohne Ziel und ohne Hoffnung. Denn ein Zuhause hat Tanisha schon lange nicht mehr.
So wie Tanisha (15, Name geändert) geht es vielen Jugendlichen in Deutschland. Und es werden immer mehr. Immer öfter wenden sich Kinder selbst ans Jugendamt, weil sie es zu Hause nicht mehr aushalten. Weil sie erniedrigt, geschlagen, missbraucht, vernachlässigt werden. Und immer öfter suchen Jugendämter in ganz Deutschland neue Zuhause für all diese Kinder, die schon so viel erlebt haben. Doch oft müssen sie ausharren, die Gewalt über sich ergehen lassen – oder sie flüchten. Wie Tanisha.
So geht es Tanisha jetzt
Tanisha hatte Glück im Unglück. Ein Taxifahrer bemerkte sie und rief die Polizei. So kam Tanisha in die neue Inobhutnahmegruppe der Evangelischen Jugendhilfe Bergisch Land (EJBL) auf dem Waldhof. Ausgehungert, nass, und ohne Perspektive.
Das ist vier Wochen her. Jetzt lebt Tanisha in einer Wohngruppe für Jugendliche, geht zur Schule, bekommt regelmäßig etwas zu essen. Ihre Mutter kommt sie besuchen. Mit dem Abstand ist es okay. Und sie weiß jetzt, was sie will: Sie will eine Ausbildung machen. Irgendwas mit Kindern. Diese Idee ist ihr in den letzten vier Wochen beim Waldhof gekommen. Endlich hat sie ein Ziel.
Jugendämter vermitteln die 12- bis 17-Jährigen nach Remscheid
So wie Tanisha hat die EJBL schon 100 Kindern und deren Familien geholfen. Denn so viele sind seit etwas über einem Jahr schon in der neuen Inobhutnahmegruppe aufgenommen worden. Und dann weitergezogen.
Jugendämter aus Remscheid und ganz NRW vermitteln 12- bis 17-Jährige hier hin, wenn sie in größter Not sind. Viele haben körperliche oder seelische Gewalt erfahren, einige wurden vernachlässigt, aber auch überbehütet. Manche von ihnen werden auf der Straße aufgegriffen, manche hauen ab, manche sind ganz allein aus einem fremden Land geflüchtet.
In Remscheid finden sie kurzfristig ein neues Zuhause. Und ein Gefühl von Familie. Denn das kennen viele von ihnen nicht. Und viele sind daher auch komplett misstrauisch, vertrauen keinem Erwachsenen. Zu groß sind die Wunden, die manch ein Erwachsener schon auf ihrer Seele hinterlassen hat.
Aber hier, in dem Haus mit den Orchideen, Bildern an den Wänden und dem Kicker, wird gemeinsam gegessen. Zusammen gebacken. Fußball gespielt, Bogenschießen getestet oder Fernsehen geguckt. Manchmal geweint, manchmal gebrüllt, aber auch gelacht. Wie in einer normalen Familie halt. Nur, dass man hier halt nur kurz bleibt. Aber das ist egal, jeder ist willkommen.
Die Sorgen beim Start der Notfallgruppe waren groß
Im Schnitt bleiben die Jugendlichen vier Wochen, maximal sechs. Sechs Plätze gibt es in dem Haus, zwei sind allein für das Jugendamt Remscheid reserviert. Und jeden Tag muss die Evangelische Jugendhilfe den Jugendämtern mehrfach Absagen erteilen. Denn der Bedarf ist riesig. Die Probleme in den Familien haben zugenommen, Jugendämter kommen kaum noch hinterher, geeignete Einrichtungen für Kinder aus schwierigen Verhältnissen zu finden. Auch in Remscheid.
Die neue Inobhutnahmegruppe der EJBL ist dabei nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, das weiß auch Leiterin Silke Gaube. Dennoch ist sie froh, dass sie vor einem Jahr den Schritt gewagt hat. Denn es gibt einfach zu viele Kinder, die Hilfe brauchen. „Auch wenn die Sorgen erst mal groß waren“, gesteht sie. Würde täglich die Polizei kommen müssen? Das Personal abspringen, so wie in vielen solcher Inobhutnahmegruppen? Wie würde sich all das auf die Kinder auswirken, die fest auf dem Waldhof leben?
Warum es hier so gut läuft
Die Sorgen haben sich nicht bestätigt. Die neue Notfallgruppe ist ein Erfolg, sagt Silke Gaube. Und das komplette Personal ist noch da. Obwohl es ein harter Job ist, Nachtdienste inklusive, es kann schon mal turbulent zugehen, kein Tag ist wie der andere, Kinder ziehen aus und ein. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis? „Eine starke, gemeinsame Haltung“, sagt Gaube. Das Team lebt für diese Kinder in Not. Das ist nicht nur ein Job, sondern eine Lebensaufgabe.
In der Inobhutnahmegruppe können die Jugendlichen zur Ruhe kommen. Haben aber auch einen geregelten Tag. Manche bekommen von ihren Lehrern Hausaufgaben zugeschickt. Manchmal geht es mit dem Erlebnispädagogen und Hund Chili raus in den Wald, mal wird Unkraut gezupft, mal Stockbrot gebacken. Das Team ist für die Jugendlichen der sichere Fels in der Brandung. Sie merken: Da ist einer, der zuhört. Der sich um mich kümmert. Dem ich einfach nicht egal bin.
In der Zeit, in der sie hier sind, klärt das Team um Tabea Zimmermann, Oliver Fix und Melanie Grobe, wie es für die Kids weitergehen könnte. Dabei werden sie komplett offen und ehrlich einbezogen. Es gibt Gespräche mit dem Jugendamt. Am Ende steht immer ein Plan. Und vor allem die Hoffnung auf ein neues Leben.
30 Prozent der Jugendlichen gehen danach zurück in ihre Familien. Manche ziehen in eine andere Einrichtung. Wer Glück hat, vielleicht nur ein Haus weiter.
Es muss nicht so weit kommen: Diesen Rat gibt es für Eltern
Doch es muss gar nicht so weit kommen. Silke Gaube hat einen guten Rat für Eltern, die möglicherweise überfordert sind: das Jugendamt. „Eltern haben das Recht, sich hier Hilfe zu holen.“ Und das habe nichts mit Versagen, sondern mit Stärke zu tun. Und: Das Jugendamt nimmt Kinder nicht direkt aus der Familie, wenn es ein Problem gibt. Dieses gängige Vorurteil herrsche immer noch in den Köpfen. Erst einmal werde versucht, die Situation zu entschärfen. Vielleicht mit einer flexiblen Erziehungshilfe. Manchmal reicht sogar schon ein Beratungsgespräch. Denn nicht nur Kinder brauchen Hilfe, sondern auch Eltern.
RGA Online, 01.08.2025, Text und Foto: Melissa Wienzek